"Nicht wir, die ├ťberlebenden, sind die wirklichen Zeugen. Das ist eine unbequeme Einsicht, die mir langsam bewu├čt geworden ist, w├Ąhrend ich die Erinnerungen anderer las und meine eigenen nach einem Abstand von Jahren wiedergelesen habe. Wir ├ťberlebenden sind nicht nur eine verschwindend kleine, sondern auch eine anomale Minderheit: wir sind die, die aufgrund von Pflichtverletzung, aufgrund ihrer Geschicklichkeit oder ihres Gl├╝cks den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht ber├╝hrt haben. Wer ihn ber├╝hrt, wer das Haupt der Medusa erblickt hat, konnte nicht mehr zur├╝ckkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden. Vielmehr sind sie, die 'Muselm├Ąnner', die Untergegangenen, die eigentlichen Zeugen, jene, deren Aussage eine allgemeine Bedeutung gehabt h├Ątte. Sie sind die Regel, wir die Ausnahme." Primo Levi

"Es hei├čt, man will Hitler bestrafen. Aber man kann ihn nicht bestrafen. Er begehrte nur eines, und das hat er erreicht: in die Geschichte einzugehen. Ob man ihn t├Âtet, foltert, einsperrt, dem├╝tigt, die Geschichte wird immer da sein, um seine Seele vor jeder Gef├Ąhrdung durch Schmerz oder Tod zu sch├╝tzen. Was man auch ├╝ber ihn verh├Ąngen wird, es wird unausweichlich immer ein historischer Tod, ein historischer Schmerz, eben Geschichte sein. Wie f├╝r den, der die vollkommene Liebe zu Gott erreicht hat, jedes Ereignis ein von Gott geschicktes Gut ist, so ist f├╝r diesen G├Âtzendiener der Geschichte alles ein Gut, was Geschichte ist. Er befindet sich sogar in einer noch vorteilhafteren Lage; denn die reine Liebe zu Gott wohnt im Mittelpunkt der Seele; die Empfindlichkeit bleibt somit allen Schl├Ągen ausgesetzt; sie bildet keine R├╝stung. Der G├Âtzendienst ist eine R├╝stung. Er l├Ą├čt den Schmerz nicht in die Seele eindringen. Was man auch ├╝ber Hitler verh├Ąngen mag, es wird ihn nicht daran hindern, sich als etwas gro├čartiges zu f├╝hlen. Vor allem wird es nicht verhindern, da├č in zwanzig, f├╝nfzig, hundert oder zweihundert Jahren ein vertr├Ąumter, einsamer kleiner Junge, ein deutscher oder auch nicht, denken wird, Hitler sei etwas gro├čartiges gewesen, er habe vom Anfang bis zum Ende ein gro├čartiges Geschick gehabt, und sich aus ganzer Seele ein ├Ąhnliches Geschick w├╝nschen wird. In diesem Fall wehe seinen Zeitgenossen." Simone Weil